Exklusiv: Die Wahrheit über Edgar Allan Poes Tod von Mariella Heyd


Mariella Heyd ist in meinen Augen echt eine großartige Autorin. Die Braut des blauen Raben habe ich verschlungen.

Aber ihr seid nicht hier um mich schwärmen zu hören bzw. eher zu lesen, sondern um die wahre Geschichte über Edgar Allan Poes Tod zu lesen. Also auf geht´s :)

Die Wahrheit über Edgar Allan Poe’s Tod

Baltimore, 10. Dezember 1849

Liebste Elmira,

Edgar ist schon seit zwei Monaten tot. Am 7. Oktober dieses tristen Jahres hat er sein Leben ausgehaucht – und am heutigen Tage habe ich beschlossen, dir die Wahrheit über sein Ableben zu erzählen. Meine Hände zittern vor Angst, weil ich weiß, was mich erwartet, sobald dich dieser Brief erreicht. Sie wird mich holen. Es gibt kein Entkommen.

Als Edgars Schützling habe ich viel von ihm gelernt, aber auch Dinge gesehen, die dem menschlichen Auge sonst verwehrt bleiben. Solche, die ihn das Leben kosteten, denn diese Wesen trachten den Menschen nach ihren Seelen. Du wirst mich für verrückt erklären. Wirst mich einen armseligen Irren schimpfen, aber ich versichere dir, es ist die reine Wahrheit. Alles hat sich genau so zugetragen.

An einem fröhlichen Abend im Jahr 1844 traf ich ihn zum ersten Mal. Er stand vor einem Pub, den halbleeren Bierkrug in der Hand. Angeregt unterhielt er sich mit zwei Männern. Stotternd mischte ich mich in die Runde ein und tatsächlich fand er schnell Gefallen an meinen Worten. Wir sprachen über sein Werk The Murders in the Rue Morgue und ich lauschte ihm gespannt bei seinen Erzählungen über die Bekanntschaft mit Charles Dickens. Es war ein geselliger Abend, der die Gedanken zerstreute, aber ich erinnere mich auch an die Worte: „Robert, das Schreiben ist Teufelszeug. Der Federkiel weckt erst die Neugier in dir und dann kostet sie dich Kopf und Kragen.“ Heute weiß ich, was er mir damit sagen wollte.

Ich konnte Edgar in der Nacht davon überzeugen, mich als Schützling mit sich zu nehmen. Ich war gerade siebzehn Jahre alt, kam aus schlechtem Hause und hatte nichts zu verlieren. Ich labte mich an Edgars Wissensdrang, gierte nach seiner Inspiration und ließ mich ohne Einwände in feinen Stoffen zu Empfängen der besseren Gesellschaft führen. Schon bald begann ich meinen ersten eigenen Kriminalroman zu schreiben und war stets auf der Suche nach Ideen.

So kam ich nicht umhin zu bemerken, dass er sich in manchen Nächten davonstahl. In den Tagen danach umgab ihn immer eine Unruhe, die ich nicht zu beschreiben vermag.

In einer frostigen Novembernacht folgte ich ihm heimlich. Es war stockdunkel, das Kopfsteinpflaster glänzte vom Regen und der Wind peitschte durch die Gassen Baltimores. Ich hätte ahnen müssen, dass es keine gute Idee war. Trotzdem setzte ich getrieben von Neugier ei-nen Fuß vor den anderen und sah, wie er im Patterson Park verschwand. Zwischen zwei Kirschlorbeerbüschen stieg er eine gewundene Eisentreppe hinab und ich schwöre dir, ich habe diese Treppe während all meiner Spaziergänge noch nie zuvor gesehen. Jung und töricht folgte ich ihm. Noch heute sind die Erinnerungen an die folgenden Erlebnisse so lebendig, als wäre es gerade erst geschehen, aber lies selbst ...

„Passwort“, raunte eine dunkle Stimme.

Ich ging in die Hocke und spähte zwischen den Streben des Geländers hindurch. Edgar stand vor einem Eisentor. Hinter einem schmalen Schlitz blitzten rote Augen hervor.

„Höllenpforte“, antwortete er.

Nichts geschah.

„Was ist los? Wieso öffnest du nicht?“

„Wen hast du da mitgebracht?“, fragte die Männerstimme. Die Augen hinter dem Schlitz huschten zu mir hinauf. Mein Körper versteifte sich, aber es war zu spät. Man hatte mich entdeckt. Edgar kam kopfschüttelnd auf mich zu.

„Was hast du dir nur dabei gedacht? Geh! Ver-schwinde!“

„Es tut mir leid.“ Ich stand auf, klopfte mir den Staub von den Hosen und wollte gerade umkehren, da brüllte der Fremde: „Halt!“

Wir zuckten zusammen.

„Der Junge geht nirgendwohin. Er kennt nun Zugang und Passwort. Er muss nun Teil der Liga werden.“

„Das kannst du nicht tun. Er ist doch noch ein Kind“, warf Edgar ein, aber er ließ keine Wider-rede zu. Mit einem ohrenbetäubenden Quietschen öffnete er stattdessen die Tür. Von drin-nen strömte warme Luft hinaus und ein betörender Duft benebelte meine Sinne.

„Komm.“ Edgar packte mich beim Ärmel und zog mich nach drinnen. Nun konnte ich auch den Türsteher sehen. Er war ein Hüne, mindestens zwei Meter hochgewachsen, und ebenso breit. Ohren wie ein Schwein und in der Nase und den Brustwarzen trug er dicke Eisenringe. Seine Nacktheit ekelte mich an und ich wandte mich Edgar zu, der zielstrebig eine Sitzecke an-steuerte. Ein solches Etablissement hatte ich zuvor noch nie gesehen. Es mutete orientalisch an. Überall hingen warm leuchtende Stofflaternen. Rote, blaue und lilafarbene Kissen mit goldenen Troddeln lagen auf den Sofas und Sesseln, die sich im ganzen Raum um runde Holztischchen versammelten. Zarte Stoffbahnen mit glitzernden Fäden trennten die einzelnen Sitzbereiche voneinander. Dennoch konnte man jederzeit einen Blick auf die anderen Gäste erhaschen, die sich von jungen Frauen verwöhnen ließen. Manche trugen edlen Zwirn, Rüschen am Kragen und Samtmäntel. Ein Mädchen stibitzte neckend einem Mann mit Zwirbelbart den Seidenzylinder und setzte ihn keck auf. Auch in unserer Ecke lagen zwei leicht bekleidete Mädchen, die uns kichernd die Jacken abstreiften.

„Edgar, wo sind wir hier? Ist das etwa ein Freudenhaus?“

Er musste mich gehört haben, doch reagierte nicht. Er wühlte in seiner abgenutzten Ledertasche und zog eine eigenartige Brille hervor. Das goldene Gestell war mit mehreren Zahnrädern versehen. Um den Bügel zwischen den Gläsern schlang sich ein ledernes Band mit dem man die Brille am Kopf befestigen konnte.

„Halt mal.“ Er drückte mir das Gestell in die Hand. Es war ungewöhnlich schwer. Ich drehte es in meinen Händen und gerade, als ich an einem der Rädchen drehen wollte, nahm er es mir auch schon wieder ab. Ungeduldig befestigte er mehrere Objektive übereinander. Er stülpte es sich über den Kopf und sah mich aus irren Au-gen an. Durch die Gläser wurden seine Augen unnatürlich vergrößert. Selbst feinste Äderchen sprangen mir wulstig entgegen. An der Maschinerie drehend, sah er sich im Raum um.

„Nichts“, stöhnte er. „Es passiert einfach nichts.“ 

„W-was soll denn geschehen?“, stammelte ich. Ich fuchtelte mit den Armen, um mich der Hände eines Mädchens zu entledigen, das sich an den Knöpfen des Hemdes zu schaffen machte.

„Ich dachte, ich könnte sie damit sehen.“

„Wen?“

„Die Wesen.“

„Von was redest du das?“

„Von dem geheimen Zauber hier im Untergrund. Dem Treiben vor den Höllentoren. Hier“, er reichte mir ein kleines Kristallglas mit einer grünen Flüssigkeit. „Trink das.“

„Absinth ... ich wusste nicht, dass du–“

„Kipp es einfach runter.“

Ich wollte ihn nicht noch mehr verstimmen, als ich es mit dem Eindringen in seine Privatsphäre schon getan hatte, und nahm einen Schluck. Bitter breiteten sich die Aromen von Fenchel, Anis und Wermut in meinem Mund aus. Edgar verzog im Gegensatz zu mir keine Miene, als er das Glas leerte. Die Mädchen kicherten und ich ahnte auch warum. Meine Augen verdrehten sich, alles verschwamm vor meinem Sichtfeld und ich ließ mich mit schweren Gliedern in die Kissen sinken, während mir eine der Frauen durch die Haare wuschelte und mir aufreizende Worte zuflüsterte. Obwohl alle Formen sich verzerrten und sich die Wände bogen, sah ich Edgar, wie er eine Opiumpfeife entgegennahm und einen tiefen Zug inhalierte, bevor er sie an die barbusigen Mädchen weiterreichte, die sich sofort damit vergnügten.

„Was passiert hier?“, nuschelte ich benommen und sah mich um. Die Mädchen verwandelten sich. Sie bekamen lange, feuchte Nasen. Ihre Haare wuchsen und das nicht nur auf deren Köpfen. Rücken, Arme und Waden waren plötzlich mit grauen Haaren übersäht. Lediglich Brüste, Oberschenkel und Bauch blieben unberührt. Der Wächter an der Tür grunzte laut auf und zäher Speichel rann ihm aus dem Maul. Ein Eberkopf thronte auf seinem massiven Hals. Auch die anderen Gäste nahmen unnormale Züge an: Menschliche Rümpfe, dafür Beine wie Ziegenböcke. Hinter der Bar kellnerte ein Kobold. Er stand auf einem Barhocker und polierte einen Krug. Vor dem Tresen saß eine Frau mit zarten Flügeln auf dem Rücken, aber gewundenen Hörnern auf der Stirn. Geschmückt hatte sie das unchristliche Geweih mit getrockneten Pfingstrosen.

Edgar sah mich von der Seite an. Er bemerkte meine Angst, aber konnte sie scheinbar nur belächeln.

„Man sieht sie nur durch den Absinth“, erklärte er. „Es lässt dich die verdorbene Welt hier unten klarer sehen, mein Freund. Ich dachte, die Brille würde mir das Übel dieses Alkohols ersparen, aber er ist und bleibt das Auge zu dieser Welt.“

„Gottlose Kreaturen ...“, flüsterte ich und presste mich heftig atmend in die Polster.

„Nicht alle.“ Sein Blick wanderte zur Bar. Dort saß ein junger Mann und nippte an einem Scotch.

„Welch verblüffende Ähnlichkeit.“ Ich setzte mich auf und kniff die Augen zusammen. „Ist das etwa dein ...?“

„Mein Bruder, ja. William Henry Leonard. Ewig wird er vierundzwanzig Lenze sein. Offiziell hat er sich totgesoffen. Lächerlich!“ Er schüttelte den Kopf und knallte sein leeres Glas auf den Tisch.

„Tot?“ Ich blickte mit aufgerissenen Augen zwischen ihm und seinem Bruder hin und her. „Er wirkt auf mich gar quietschfidel. Was ist mit ihm geschehen?“

„Die grüne Fee hat ihn verzaubert und seine Seele genommen. Seitdem gehe ich hier ständig ein und aus. Ich will sie sehen, dieses grüne Weibsbild. Ich will ihr die Seele meines Bruders ausreden. Bisher fand sie jedes Mal eine andere Ausrede.“

Ich blieb ihm eine Antwort schuldig. Wie sollte ich sagen „ich verstehe“, wenn ich nichts verstand?

„Mehr Absinth!“, befahl er.

Kurz darauf brachte eines der Mädchen eine Flasche an unseren Tisch. In der grasgrünen Flüssigkeit schwamm eine ebenso grüne Fee. Ihr schwarzer Schleier bauschte sich unter Wasser auf und nahm die Form eines Schädels an. Un-gläubig tippte ich gegen das Glas.

„Lass das!“, fauchte mich ein Wolfsmädchen an. „Die grüne Fee verleiht dem Absinth Farbe und Wirkung. Ärger sie nicht sonst wird er ungenießbar.“

„E-Entschuldigung.“ Beim Anblick ihrer Reißzähne geriet ich ins Stottern. Unbeholfen nickte ich auch der grünen Fee entschuldigend zu. Durch den Fauxpas hatte ich nichts von Edgars Sprachlosigkeit bemerkt. Wie paralysiert starrte er das Ding mit den Flügeln an, wie es sich am Flaschenhals festhielt und Pirouetten drehte.

„Da ist sie“, flüsterte er ehrfürchtig. „Endlich. Beim letzten Mal hast du dich nicht blicken lassen!“, fuhr er sie an und schüttelte die Flasche. Die Fee wurde ordentlich durchgerüttelt und konnte sich nur mit Mühe über den Wellen halten.

Er zog den Korken und goss jedem ein Glas ein. Die leere Flasche schlug er an der Tischkante kaputt. Splitter flogen umher und inmitten der Sauerei rieb sich die grüne Fee die Schläfen.

„Das geht auch sanfter!“, fuhr sie Edgar an.

„La fée verte, da bist du endlich. Hast du über meinen Vorschlag nachgedacht? Gibst du meinen Bruder frei?“

„Nein.“ Sie schüttelte entschieden den Kopf und wollte gehen.

„Warte! Ich habe noch einen Vorschlag.“

„Ich höre.“ Sie seufzte auf, setzte sich an den Rand des Tisches und ließ die Beine baumeln.

„Ich mache dich unsterblich. Du wirst die Hauptfigur in meinem neusten Werk. Diesen Platz kann dir niemand nehmen, bis in alle Ewigkeit.“

„Laaangweilig.“ Sie hielt sich eine Hand vor den Mund und gähnte. „Ich bin schon eine Legende. Das genügt mir.“

„Vielleicht ... eine Beteiligung an meinen Einnahmen? Oder ich gebe dir alles und behalte nur das Nötigste zum Leben.“ Händeringend suchte er nach weiteren Angeboten, die er ihr unterbreiten konnte.

Gnädigste Elmira, dies war ein Ausschnitt aus dem ersten von hunderten Besuchen in jenem Etablissement unterhalb Baltimores. Ein jedes Mal versuchte er sie umzustimmen. Manchmal erlaubte sie sich einen Spaß mit ihm und gab vor, seine Offerten zu überdenken. Doch letzten Endes lehnte sie immer ab. Die grüne Fee kommt nie, um zu geben. Sie nimmt immerzu. So forderte sie auch mit jedem Besuch ein Stück von Edgars Seele ein, ohne dass er es bemerkte. Mit jeder Einladung auf einen Absinth verlor er einen Teil seiner selbst. Ich wollte ihn warnen, flehte ihn an, diesem Ort fernzubleiben, aber er weigerte sich. Zuerst war die Zersplitterung seiner selbst nur dort auszumachen, aber nach und nach umtrieb ihn diese Leere auch am helllichten Tage. Die Leute, die ihm vor seinem Tod begegnet sind, berichten Unterschiedliches. Das hat mich kaum verwundert. Wer die grüne Fee nicht kennt, der weiß nicht, was er vor sich hat, wenn er eines ihrer Opfer sieht.

Und dies, liebste Elmira, war die Wahrheit über Edgars Tod.

Ich selbst werde ihm nun folgen. An meiner Seite steht bereits ein Gläschen dieses Gifts. Niemand wird ihr je Einhalt gebieten, und nichts kann sie aufhalten. Eines der leichten Wolfsmädchen hat mir im Opiumrausch erzählt, was es mit ihr auf sich hat. Sie selbst war einst eine Bordsteinschwalbe aus der anderen Welt. Die Männer fanden Gefallen an ihrem zarten Wesen. Darunter soll auch ein reicher Perlenhändler gewesen sein, der ihr die schönsten Schmuckstücke und ein Leben voller Tanz und Wein versprach. Er hat sein Wort jedoch nie gehalten. Rasend vor Eifersucht spürte sie ihm nach und entdeckte ihn an einem milden Sommertag mit einer Frau und zwei liebreizenden Kindern durch den Park flanieren. Es brach der Fee Herz und Seele und sie färbte sich Grün vor Neid. Seit diesem Tag tüncht sie den Absinth und gibt ihm vor Neid und Missgunst seinen unverwechselbar bitteren Geschmack. Auch die geraubten Seelen verschaffen ihr nur wenig Linderung. Möge dir dieses Wissen Genugtuung sein.

In ewiger Verbundenheit

Robert Jr. Pearl

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